Die gestrafte Vorschau des Bräutigams

Aus City ABC

Sagen und Legenden
Die gestrafte Vorschau des Bräutigams



Geistererscheinung Strafe

Volksglaube Liebesorakel

17. Jahrhundert

Diese Sage erzählt von einem alten Liebesorakel, das im Volksglauben verbreitet war: Junge Frauen versuchten durch nächtliche Rituale am Kreuzweg einen Blick in ihre Zukunft zu werfen. Doch wer verbotene Dinge wissen wollte, konnte – so glaubte man – auch unheimliche Mächte heraufbeschwören.

Das nächtliche Liebesorakel am Kreuzweg

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Kreuzweg am Stephansdom

Im Jahr 1666 wollte eine junge Magd unbedingt erfahren, welchen Mann ihr das Schicksal bestimmen würde. Eine alte Frau verriet ihr dafür einen angeblichen Brauch: Wenn sie in der Nacht zu einem Kreuzweg nahe Wien gehe und bestimmte Worte spreche, würde ihr der zukünftige Bräutigam erscheinen.

Von Neugier getrieben folgte das Mädchen dem Rat. Mitten in der Nacht stand sie allein am Kreuzweg und sprach die geheimnisvollen Worte. Doch statt einer freundlichen Erscheinung zeigte sich auf dem Dach eines Hauses gegenüber ein unheimlicher, feurig leuchtender Sarg.

Der Anblick war so furchterregend, dass die junge Frau vor Schreck zusammenbrach. Am nächsten Morgen fand man sie reglos am Boden liegen und hielt sie zunächst für tot.

Es stellte sich bald heraus, dass sie nur knapp überlebt hatte, jedoch ihr Verstand hatte darunter gelitten. Man konnte nicht aus ihr herausbekommen, was ihr in dieser Nacht geschehen war.

Nach vielen Tagen schließlich rief sie plötzlich: "O Herr Gott, vergib es der Alten, wie hat sie mich armes Kind verleitet."

Nach weiterer Zeit, sie lag nun knapp vor ihrem Ende, schien sich ihr Verstand nochmals zu lichten und sie erzählte: Sie habe von einem alten Weib Worte gelehrt bekommen, die sie am Kreuzweg sprechen sollte. Kaum habe sie diese ausgesprochen, erschien am Dach des Hauses gegenüber ein feuriger Sarg. Als sie diesen gesehen habe, sei sie zusammengebrochen. [1]

Historischer Hintergrund

Der Glaube, am Kreuzweg in die Zukunft sehen zu können, ist in vielen europäischen Volksüberlieferungen belegt. Kreuzwege galten seit dem Mittelalter als besondere Orte: Hier trafen Wege, Welten und manchmal auch das Diesseits und das Jenseits aufeinander. Deshalb glaubte man, dass dort Geister, Dämonen oder geheimnisvolle Erscheinungen leichter sichtbar werden konnten.

Vor allem in Liebesorakeln spielte der Kreuzweg eine Rolle. Junge Frauen stellten sich in bestimmten Nächten – etwa zu Neujahr, zu Weihnachten oder in der Walpurgisnacht – an solche Orte, sprachen Sprüche oder führten kleine Rituale aus. Man hoffte, dadurch den zukünftigen Bräutigam zu sehen oder ein Zeichen des kommenden Schicksals zu erhalten.

Kirchliche Autoritäten warnten jedoch immer wieder vor solchen Praktiken. In Predigten und moralischen Erzählungen wurden sie als gefährliche Neugier dargestellt. Die Wiener Sage von der „gestraften Vorschau des Bräutigams“ spiegelt genau diese Warnung wider: Wer unerlaubt in die Zukunft blicken will, begegnet nicht dem Glück, sondern dem Schrecken.


Quellen

  1. Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 44, S. 66