Ein Haar um 100 Pfund Sterling

Aus City ABC

Sagen und Legenden
Ein Haar um 100 Pfund Sterling



Wien Stadtlegende Moralische Warnsage Barmherzigkeit Wohltätigkeit 19. Jahrhundert

Diese Wiener Erzählung verbindet das Milieu der Großstadt mit einer eindrucksvollen Geste der Menschlichkeit. Aus dem geplanten Verkauf eines Haares wird eine Geschichte über Mitgefühl, unerwartete Hilfe und einen Neubeginn.

Ein Haar um 100 Pfund Sterling

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Wiener Alltagsszenen wurden in der Überlieferung oft zu moralischen Erzählungen verdichtet.

Im Jahr 1896 hielt sich ein reicher Engländer nach dem Besuch der ungarischen Ausstellung für einige Tage in Wien auf. Als er einen Friseursalon betrat, wurde er Zeuge einer bedrückenden Szene: Ein junges Mädchen bot dem Friseur ihr langes blondes Haar zum Kauf an.

Das Mädchen verlangte zwanzig Gulden, doch der Friseur wollte zunächst nur acht bezahlen. Nach längerem Feilschen einigte man sich schließlich auf zehn Gulden. Schon hatte der Friseur die Schere in der Hand, um das Haar abzuschneiden, als der Engländer dazwischenrief und den Vorgang unterbrach.

Er fragte das Mädchen, warum sie zu einem solchen Schritt bereit sei. Da erzählte sie ihm, ihr Vater sei einst ein wohlhabender Fabrikant gewesen, habe aber durch ein Unglück alles verloren. Die Mutter sei krank, und die Familie lebe in großer Not. Um die Eltern vor dem Hungertod zu bewahren, wolle sie nun ihr Haar verkaufen.

Diese Worte rührten den Fremden tief. In gebrochenem Deutsch sagte er zu dem Mädchen, sie solle ihm das Haar verkaufen, doch werde er ihr weit mehr dafür geben. Er zog eine Banknote über hundert Pfund Sterling hervor – eine ungeheure Summe – und überreichte sie ihr mit der Bitte, das Geld dem Vater zu bringen. Er werde schon wissen, wie er damit den Neubeginn schaffen könne.

Dann nahm der Engländer selbst die Schere, schnitt dem Mädchen aber nicht das ganze Haar ab, sondern nur ein einziges Haar. Dieses legte er als Andenken in seine Brieftasche. Danach verließ er den Laden ebenso rasch, wie er gekommen war, und ließ den Friseur und das Mädchen sprachlos zurück.

Mit dem Geld eröffnete der Vater später in einer Wiener Vorstadt ein Gemischtwarengeschäft. Damit war die Zeit der bitteren Not vorüber.[1]

Ort: Wien, in einem Friseursalon; Neubeginn in einer Wiener Vorstadt

Historischer Hintergrund

Diese Erzählung gehört zu jener Gattung von Wiener Großstadtgeschichten, die zwischen Anekdote, Legende und moralischem Beispiel stehen. Anders als klassische Sagen mit Geistern, Heiligen oder Wunderzeichen spielt sie in einer modernen städtischen Umgebung und lebt von einer glaubwürdig wirkenden Alltagsszene. Gerade dadurch konnte sie sich leicht verbreiten und als vorbildhafte Geschichte im Gedächtnis festsetzen.

Das Motiv des verkauften Haares war im 19. Jahrhundert keineswegs unrealistisch. Frauenhaar galt als wertvoll und wurde für Perücken oder Haararbeiten verwendet. In Zeiten wirtschaftlicher Not konnte der Verkauf von Haaren tatsächlich eine letzte Möglichkeit sein, rasch etwas Geld zu bekommen. Die Erzählung greift also eine reale soziale Praxis auf und verbindet sie mit einer außergewöhnlichen Wendung.

Zugleich ist die Geschichte deutlich als moralische Exempel-Erzählung gestaltet. Der Friseur erscheint nüchtern und geschäftsmäßig, während der fremde Engländer unerwartete Großzügigkeit zeigt. Das einzelne Haar, das er zum Andenken behält, macht die Handlung besonders einprägsam: Nicht der materielle Wert steht im Mittelpunkt, sondern die Menschlichkeit hinter der Geste.

So spiegelt die Erzählung auch ein Bild Wiens als internationaler Großstadt wider, in der sich Elend, Zufall und Wohltätigkeit begegnen konnten. Aus einer kleinen Alltagsszene wird dadurch eine Geschichte über Mitgefühl und soziale Rettung.

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Quellen

  1. Franz Spirago: Beispiel-Sammlung für das christliche Volk, Prag 1918, Nr. 890