Graben 10
- Bezirk
- 1., Innere Stadt
- Aliasadressen
- =Graben 10
- =Spiegelgasse 2
- =Dorotheergasse 1
- Konskriptionsnummer STadt
- vor 1862: 1105
- vor 1847: 1105
- vor 1821: 1171
- vor 1795: 1136
- Baujahr
- 1894-1895
- Architekten (Bau)
- Otto Wagner, Portal Sandwich-Buffet Trzesniewski: Fritz Sammer
Das Ankerhaus von Otto Wagner - Architektur und Geschichte
Graben 10 ist ein dreiseitig freistehendes Wohn- und Geschäftshaus an der Nahtstelle von Graben, Spiegelgasse und Dorotheergasse. In der Dorotheergasse wird es als Haus Nr. 1 geführt; die Hauptadresse lautet Graben 10.[1]
Das Gebäude wurde 1894–1895 nach Plänen von Otto Wagner für die Versicherungsgesellschaft Der Anker errichtet und gilt als markantes Beispiel der frühen Wiener Moderne.[2] Auffällig ist die konsequent als Geschäftszone gedachte Sockelgestaltung: Die unteren Geschosse sind als große, zusammenhängende Glasflächen organisiert und wirken wie ein gläserner Vorhang (curtain wall), ein für die Zeit ungewöhnlich modernes Motiv.[3][4]
In den Obergeschossen kontrastiert Wagner die transparente Sockelzone mit einer reich gegliederten Fassadenordnung, die durch Pfeilerstellung, Ornamentbänder und plastische Details geprägt ist.[5] Den Abschluss bildet ein glaspavillonartiger Atelieraufsatz, der als bewusst funktionaler Dachaufbau gedacht war und das Haus in der Fernwirkung eindeutig identifizierbar macht.[6] [7]
Die beiden unteren Geschosse mit großen Glasflächen sind als Geschäftsareal geplant, die Obergeschosse sind durch dekorierte Pfeiler, Masken und Blattdekor verziert. Im Inneren befindet sich ein Stuckfoyer mit originalen Bodenkacheln, einer Marmorbassena und originale Liftgitter.
Dachatelier
Das Dachatelier ist einer der Gründe, warum Graben 10 in vielen Wagner-Rundgängen als Schlüsselstelle genannt wird: Es verbindet die Idee des multifunktionalen Großstadthauses (Geschäft, Büro, Wohnen) mit einem Arbeitsraum am Dach. Ab 1971 wurde das Atelier von Friedensreich Hundertwasser gemietet und genutzt, wodurch der Ort eine zusätzliche kulturgeschichtliche Schicht erhalten hat. yref>http://www.architektenlexikon.at/de/670.htm</ref>[8] 1975 gestaltete Franz Zajicek das Waffengeschäft Springer neu.
Das Gebäude ist das einzige erhaltene Geschäftshaus von Otto Wagner.
Dokumente, Pläne und Ansichten
Eine zeitgenössische Fassadenzeichnung zum Miethaus „Der Anker“ ist in der Sammlung des Wien Museums überliefert (Datierung 1894; Urheber: Otto Wagner).[9]
- Graben 10
Lokale und Nutzung
Die Erdgeschoßzone wird bis heute als Geschäfts- und Lokallandschaft genutzt. An der Adresse Dorotheergasse 1 befindet sich das Sandwich-Buffet Trzesniewski; die Portalgestaltung der Nachkriegszeit (1950) wird Fritz Sammer zugeschrieben.[11][12] In der Sockelzone ist außerdem eine Boutique-Nutzung dokumentiert, die die historische Glaszone weiterhin als Schaufenster- und Präsentationsraum liest.[13]
Im Kellergeschoß an der Adresse Spiegelgasse 2 ist das Cabaret Fledermaus als Veranstaltungsort verankert; die moderne Phase als Kleinkunst- und Clubbühne geht auf die Gründung durch Gerhard Bronner im Jahr 1967 zurück, mit wechselvoller Nutzungsgeschichte in den Jahrzehnten danach.[14][15]
Vorgängerhaus
Erstmals erwähnt wird an dieser Stelle 1473 ein Besitzer, etwa um diese Zeit hat es auch seinen ersten Namen erhalten: Das "Steckhnhaus". Woher diese Bezeichnung kommt, ist nicht geklärt. Bis 1566 befand sich hier die Apotheke "Zum goldenen Hirschen".
1683 schlug in dieses Haus, damals unter dem Namen "grüner Kranz" bekannt, die erste Bombe der Türkenbelagerung ein. Die Bürger sammelten die Trümmer des Hauses ein, ließen sie weihen und schossen sie in den Feinden zurück.
Zwischen 1783 und 1792 befand sich hier das bekannte Cafè Ducati. Im ersten Stock des Hauses richtete der Wirt ein eigenes Raucherzimmer ein, hier wurden Tabakpfeifen und alles Zubehör angeboten. Auch unterschiedliche Zeitungen wurden den Gästen schon geboten. In der Spiegelgasse, vor dem Haus, wurde auch Eis verkauft. Die große Auswahl bot Geschmacksrichtungen wie Vanille, Johannisbeere, Himbeere, Weichsel, Erdbeere, Zitrone, Schokolade und Ananas an. 1792 übersiedelte das Kaffeehaus in die Singerstraße 2.
Wohnhaus bekannter Persönlichkeiten
Besitz des Landschreibers Johann von Kees
Ab 1736 besaß Johann von Kees das Gebäude. Er war als "Kenner beider Rechte" berühmt, und veröffentlichte zahlreiche juristische Werke. 1709 hatte Joseph I. Kees zum Professor der Rechte bei den "Kaiserlichen Edelknaben" gemacht, die in der Stallburg wohnten. Der Komus in Wien' schildert folgende Anekdote über den Gelehrten:
Da Kees ein verdienstvoller Mann war, der sich der besonderen Gunst des Kaisers zu erfreuen hatte, so versteht es sich von selbst, dass ein Schwarm Neider und Auflauerer jeden seiner Schritte belauschten, um einen Anhaltspunkt zu finden oder zu erfinden, der so geartet wäre, ihm die Gnade des Monarchen zu entziehen. So traten denn eines Tages einige hochgestellte Denunzianten mit wichtigem Amtsmienen vor den Kaiser und eröffneten ihm mit weitschweifigen Reden, der der Doktor habe sich unterfangen, seinen Zöglingen in einer Vorlesung beizubringen, nach den deutschen Rechtsgelehrten könne auch ein protestantischer Fürst den deutschen Kaiserthron besteigen. Mit ungeduldiger innerer Freude erwartete der Angeber den Ausbruch des kaiserlichen Unwillens; man denke sich daher sein Erstaunen, als dieser erste große Joseph gelassen antwortete: "Wenn Kees Unrecht hat, so beweise man ihm das Gegenteil seiner Behauptung."[16]
Gastronomie
Trzesniewsky
Das Portal des berühmten Brötchen-Lokals wurde 1950 vom Architekten Fritz Sammer gestaltet.
Francisek Trzesniesky hatte Anfang des 20 Jahrhunderts den „Pfiff“ Bier erfunden. Sinn war, auch Damen in einem öffentlichen Lokal Bier anzubieten (es galt nicht als damenhaft, ein Krügel oder Seidel zu trinken), aber auch ärmeren Kunden ein billiges Getränk zu offerieren.
Die richtige Maßeinheit eines Pfiffs ist 1/8 – also 0,125 Liter – der Name Pfiff kommt angeblich daher, dass das Einschenken in ein derart kleines Glas die Dauer eines Pfiffs nicht übersteigt. [17] Heute beliefert ausschließlich die Ottakringer Brauerei - ein echtes Wiener Bier - die Brötchen-Manufaktur.
Die Art des Brötchenbelages - zerkleinerte Bestandteile, ähnlich einem Aufstrich, entstand aus einer rein praktischen Überlegung: Die Brötchen sollten einen unfallfreien Versehr ermöglichen. Die kleinen Brote ohne Verzierungen - mit einer Gabel gestrichen, was die besondere Optik ergibt - ermöglichen ein Essen ohne Besteck und Teller, in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts wohl eines der ersten Fastfood-Restaurants.
Auf der Homepage der Firma, https://www.trzesniewski.at/, ist auch die Hitliste der Brötchen zu finden:
- Speck mit Ei
- Matjeshering mit Zwiebel
- Geflügelleber
- Ei mi Ei
- Gervais mit Räucherlachs
- Thunfisch mit Ei
- Matjeshering ohne Zwiebel
- Schwedischer Hering
- Champignon
- Krabbe mit Ei
- Salami
- Pfefferoni
- Gervais mit Zwiebel
- Gurke mit Ei
- Gervais mit Karotte
- Lachsersatz
- Wilder Paprika
- Sardinen mit Zwiebel
- Tomaten
- Zwiebel mit Ei
- Pikantes Ei[18]
Das Unternehmen ist derzeit im Besitz der DEMMER GmbH - eigentlich ein Teil von Andrew Demmers Tee-Universum.
Die Fledermaus
Heute ist hier auch eines der angesehensten Szene-Treffs, das Kabarett Fledermaus, zu finden.
Die Ursprünge
Der Tanzclub ist jedoch erst seit 2005 hier, davor hatte das Kabarett eine bewegte Geschichte. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts befand sich hier ein anrüchiges Lokal namens "Dolce Vita", in dem sich auch Wiens Halbwelt bewegte. Angeblich soll auch Fritz Grünbaum öfters hier gewesen sein, weshalb es heute noch einen Raum namens "Grünbaum Stüberl" gibt.
In den 50er Jahren
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Lokal zu "Mariettas Bar". Geführt wurde die Bar von der Konzertpianistin Marietta Mackh geführt, Gerhard Bronner spielte manchmal auch Klavier hier. Als Marietta sich für den Ruhestand entschied und nach Obertauern übersiedelte, übernahm Gerhard Bronner das Lokal und eröffnet das "Cabaret Fledermaus", das bis 1917 in der Johannesgasse 1 angesiedelt gewesen war. Angeblich hatte Peter Alexander hier seinen ersten Auftritt.
Das Kabarett entwickelte sich rasch zu einem kulturellen Fixpunkt in Wien. Neben dem Simpl gehörte es zu den erfolgreichsten Kabarett-Bühnen. Hier traten Helmut Qualtinger, Herwig Seeböck, André Heller, Lore Krainer, Carl Merz, Louise Martini und Peter Wehle auf, Marian Mendt sang "Die Glocke".
Von Bronner und Kaufmann bis heute
1984 verpachtete Bronner, der in die USA übersiedelte, das Lokal an Georges Dimou, der das Lokal in die roten Zahlen führte. Auch Rettungsversuche durch Franz Friedel misslangen und das Lokal musste 1989 zusperren.
1991 startete Götz Kaufmann einen neuen Versuch - mit Bar und Restaurant, doch auch dieses Unterfangen scheiterte. Schließlich (1993) mietete sich der Jazz-Club Porgy & Bess hier ein und war derart erfolgreich, dass er nach nur fünf Jahren und fast 2.000 Konzerten in ein größeres Lokal in der Riemergasse 11 übersiedelte.
Zwischen 2000 und 2005 wurde das Lokal von Clubbing-Veranstaltungen genutzt, bis es nach Umbauarbeiten von Wolfgang Strobl und Deborah Heiss in das heutige Szene-Lokal verwandelt wurde.
Ausgrabungen
| Ausgrabungscode | Zeitliche Einordnung | Beschreibung der Fundstücke |
|---|---|---|
| 190617 | römisch | Bei einer Kanalgrabung vor dem Haus wurden römische Keramikfragmente gefunden |
→ weiter zu Spiegelgasse 3 | Graben 11 | Dorotheergasse 2-4
← zurück zu Graben | Spiegelgasse | Dorotheergasse
Quellen
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Dorotheergasse
- ↑ https://www.architektenlexikon.at/de/670.htm
- ↑ https://blog.mak.at/otto-wagner-architekturspaziergang-wien/
- ↑ https://baugeschichte.at/Graben_10_(Wien)
- ↑ https://baugeschichte.at/Graben_10_(Wien)
- ↑ https://baugeschichte.at/Graben_10_(Wien)
- ↑ http://www.architektenlexikon.at/de/670.htm
- ↑ https://blog.mak.at/otto-wagner-architekturspaziergang-wien/
- ↑ https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/55616-miethaus-der-anker-fassade-zum-graben/
- ↑ Otto Wagner (Architekt), Miethaus "Der Anker", Mezzanin und Parterre, 1894, Wien Museum Inv.-Nr. 96005/2, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/55606/)
- ↑ https://cityabc.at/index.php/Kategorie:Architekten:Fritz_Sammer
- ↑ https://www.trzesniewski.at/
- ↑ https://baugeschichte.at/Graben_10_(Wien)
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Cabaret_Fledermaus
- ↑ https://www.fledermaus.at/
- ↑ A. Dorfmeister, Komus in Wien, oder: Illustrierter komischer Kalender für Freunde des Scherzes, 1848, Wien, S.24
- ↑ Harald Havas, Wiener Sammelsurium, S. 46, Metro Verlag
- ↑ https://www.trzesniewski.at/
![[10]](/images/6/65/Spiegelgasse_2_Wien_Museum_Online_1.jpg)
