Kasim Beg und seine vierzigtausend Märtyrer

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Sagen und Legenden
Kasim Beg und seine vierzigtausend Märtyrer



Die Erzählung von Kasim Beg und seinen vierzigtausend Märtyrern gehört zu jenen Überlieferungen, in denen die Erinnerung an die Türkenkriege mit dem Wunderbaren verschmilzt. Der gefallene Heerführer und seine Männer sollen auch nach ihrem Tod nicht ganz verstummt sein: Noch heute, so heißt es, sei in der Nacht auf Freitag ihr Gebetsruf zu hören.

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Die Legende

Spukende Türken bei Wien

Ort: im Umland von Wien; in der Überlieferung zwei Stunden von der Stadt entfernt
Die Legende erinnert an gefallene osmanische Kämpfer im Umfeld der Belagerung Wiens.

Als Sultan Süleyman von Wien abzog, soll ein hoher osmanischer Herr namens Kasim Beg oder Kasim Voywoda mit vierzigtausend Mann an einem Ort gefallen sein, der zwei Stunden von Wien entfernt lag.[1]

Doch mit dem Tod, so will es die Überlieferung, war ihr Dasein nicht beendet. Noch immer, sagt man, höre man dort in jeder Nacht auf Freitag den Widerhall des islamischen Gebetsrufes. Die Stimme der Gefallenen sei also nicht ganz verklungen, sondern kehre in regelmäßigen Abständen aus der Vergangenheit zurück.[2]

An einigen Orten, so fügt die Erzählung hinzu, habe man dem gefallenen Helden sogar Standbilder errichtet. Kasim erscheint darin nicht nur als Krieger, sondern als Märtyrerfigur, deren Andenken über den Tod hinaus fortlebt.

Historischer Hintergrund

Der historische Kern der Erzählung führt sehr wahrscheinlich nicht zur Belagerung Wiens von 1529 selbst, sondern zum Feldzug des Jahres 1532. Kasim Bey gilt als Anführer osmanischer Streifscharen, die im September 1532 südlich von Wien von christlichen Truppen vernichtend geschlagen wurden. Das Kunsthistorische Museum datiert seinen wahrscheinlichen Tod auf den Morgen des 19. September 1532 bei Enzesfeld.[3]

Eine niederösterreichische Ortsgeschichte von Hirtenberg nennt die verödete Gegend von Hirtenberg als Schauplatz dieser Niederlage und spricht dabei von einem 8.000 Mann starken osmanischen Heer unter Kasim Bey.[4] Gerade dieser Unterschied zwischen historischer Größenordnung und den vierzigtausend Märtyrern der Sage zeigt, wie stark das Geschehen später legendarisch überhöht wurde.

Deutung

Die Sage verbindet ein reales Kriegsereignis mit einem religiös aufgeladenen Nachleben. Aus der militärischen Niederlage wird eine Märtyrererzählung, aus den gefallenen Reitern werden Stimmen der Vergangenheit. Der nächtliche Gebetsruf ist dabei das eigentliche Sagenmotiv: Geschichte wird nicht gesehen, sondern gehört.

Gerade darin liegt die Besonderheit des Stoffes. Kasim Beg erscheint nicht bloß als osmanischer Angreifer, sondern als heroische Figur des Gegengedächtnisses. Die Erzählung bewahrt damit nicht den Sieg der Verteidiger, sondern das Andenken an die Gefallenen der anderen Seite..

Einordnung

Kasim Beg und seine vierzigtausend Märtyrer ist keine Wiener Sage im engeren Sinn der Stadtbevölkerung, sondern eine osmanisch geprägte Überlieferung im Umfeld Wiens. Gerade das macht sie interessant. Die Erzählung eröffnet einen anderen Blick auf die Belagerung: Nicht nur die verteidigte Stadt, sondern auch die Gefallenen des Angreifers bleiben in der Erinnerung zurück.

Die Sage gehört damit zu jenen Stoffen, in denen Wien als Grenzraum zwischen Krieg, Gedenken und Wunderbarem erscheint. Der hörbare Gebetsruf der Toten macht das Vergangene in dieser Überlieferung bis in die Gegenwart hinein spürbar.

Quellen

  1. Friedrich von Kraelitz-Greifenhorst, Bericht über den Zug des Groß-Botschafters Ibrahim Pascha nach Wien im Jahre 1719, in: Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, Bd. 158, III, Wien 1908, S. 50–51.
  2. https://archive.org/stream/sitzungsbericht235klasgoog/sitzungsbericht235klasgoog_djvu.txt
  3. https://www.khm.at/kunstwerke/panzerstecher-373695
  4. https://www.gedaechtnisdeslandes.at/orte/ort/hirtenberg/