Das Anzeichen der Glocke der Loretokapelle

Aus City ABC

Sagen und Legenden
Das Anzeichen der Glocke der Loretokapelle



1., Innere Stadt Augustinerkirche Loretokapelle Todesvorzeichen Kirchensage Wunderzeichen 18. Jahrhundert


Das selbstläutende Glöcklein

18720529 Herzgruft Augustinerkirche.jpg

Augustinerkirche (Herzgruft)

Am 4. Juni 1726, so berichtet man, ging der P. Sacrista mit seinem Frater spätabends durch die Augustinerkirche, als sie an der Loretokapelle vorüberkamen. Da begann das kleine Glöcklein über der Kapelle – sonst das Zeichen für die Musicis – von selbst zu läuten, rasch und anhaltend. Beide erschraken und eilten davon. Bald darauf starb der gnädige Herr Baron von Thavonath, dessen Gruft an der Loretokapelle lag.

Schon zuvor, in der Nacht vom 5. September 1723, habe sich, bei verschlossenen Kirchentüren, Orgelmusik vernehmen lassen – nicht von Menschenhand gespielt, wie es die Dienerschaft im benachbarten Zinzendorf-Haus und vorbeiziehende Soldaten bezeugten. So galt das Läuten als Anzeichen: ein Vorbote für ein nahes Ereignis. [1] [2]

Ort: Loretokapelle in der Augustinerkirche

Historischer Hintergrund

Zur Einordnung: Loretokapellen waren im Barock beliebte Andachtsorte. Berichte von selbsttätigem Glockenläuten oder nicht von Menschenhand gespielter Musik spiegeln frühneuzeitliche Deutungsmuster, in denen Zeichen als Omen verstanden wurden. Die hier überlieferten Ereignisse (1723/1726) sind in Wolfsgrubers Kapellengeschichte gesammelt und wurden von Gugitz in die Wiener Sagensammlungen übernommen.

In der religiösen Vorstellungswelt der Barockzeit galten ungewöhnliche Geräusche, selbsttätig bewegte Gegenstände oder unerklärliche Musik oft als Zeichen aus einer unsichtbaren Welt. Besonders in Kirchenräumen, an Kapellen oder bei Grablegen wurden solche Vorkommnisse nicht bloß als Zufall gedeutet, sondern als Hinweise auf nahenden Tod, auf das Wirken der Seelen Verstorbener oder auf göttliche Mahnung.

Die Loretokapelle der Augustinerkirche war ein Ort besonderer Frömmigkeit und zugleich eng mit Begräbnis- und Erinnerungskultur verbunden. Dass gerade hier ein Glöcklein von selbst zu läuten begann und später mit dem Tod eines in der Kapelle bestatteten Adligen in Verbindung gebracht wurde, fügt sich gut in diese barocke Deutungswelt ein.

Auch die Erzählung von nächtlicher Orgelmusik ohne sichtbaren Organisten gehört zu einem verbreiteten Motiv älterer Kirchensagen. Solche Geschichten verdichten die Atmosphäre heiliger Räume und machen sie zu Schauplätzen des Wunderbaren, Unheimlichen und schwer Erklärbaren.


Vertiefende Informationen: Augustinerkirche · Augustinerstraße 3 und 5

Quellen

  1. Gustav Gugitz: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien. Wien 1952, Nr. 62, S. 79.
  2. Cölestin Wolfsgruber: Geschichte der Loretokapelle bei St. Augustin in Wien. Wien 1886, S. 47–48.