Fasching

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Rituale und Brauchtum
Fasching
Brauchtum in Wien

Der Fasching gehört zu den ältesten und wandlungsfähigsten Festzeiten Wiens. Zwischen Dreikönigstag und Aschermittwoch wurde gelacht, getanzt, maskiert und gefeiert – zuerst auf Straßen und Plätzen, später in Sälen, Palais, Wirtshäusern und schließlich in den großen Ballsälen der Stadt.

Fasching Tanz Bälle Masken


Zwischen Fastnacht und Tanzzeit

Brauch: Rasch noch sündigen vor der Fastenzeit

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Plakat Fasching Dienstag Wien 1923

Schon in älteren deutschen Quellen wird der Tag vor dem Aschermittwoch als Fasching oder Fastnacht bezeichnet. Wie viele jährlich wiederkehrende Feste wurde auch der Fasching in älteren Deutungen gern auf vorchristliche Kultzeiten zurückgeführt. Sicher greifbar ist für Wien jedoch vor allem seine Entwicklung als Zeit der Tänze, Gelage, Possen, Maskeraden und gesellschaftlichen Umkehr vor Beginn der vierzigtägigen Fastenzeit.[1]

Im Mittelalter wurde es Sitte, den Faschingsdienstag, also die eigentliche Fastnacht, mit Gelagen, Fastnachtsspielen, Tänzen und Vermummungen zu begehen. Darin lag gleichsam ein bewusstes Gegenbild zur folgenden Fastenzeit: Noch einmal durfte ausgelassen gefeiert werden, bevor mit dem Aschermittwoch Verzicht und religiöse Sammlung begannen.

Entwicklung seit dem Mittelalter

Anfangs erstreckte sich der Fasching auf die Zeit nach dem Dreikönigstag bis zum Aschermittwoch. Im 15. Jahrhundert konzentrierte er sich jedoch immer stärker auf die letzten drei bis acht Tage vor Beginn der Fastenzeit. Schon damals begegnen wir in Wien einer erstaunlich differenzierten Festkultur.

In den 1450er Jahren veranstaltete der Apotheker Vinzenz Hackenberger in seinem Haus am Graben Tanzfeste, an denen auch der Hof teilnahm. Um dieselbe Zeit organisierte der Patrizier Niklas Teschler in seinem Wohnhaus sogenannte Bürgerbälle. Zu den beliebtesten Veranstaltungen gehörten im 15. Jahrhundert das am Faschingsdienstag auf der Brandstätte abgehaltene Bürgerstechen junger berittener Bürger sowie das Fastnachtslaufen. Hof und Adel vergnügten sich dagegen auf eigenen Festen, den sogenannten Redouten.

Verbote und Reglementierungen

Mit dem Fasching gingen früh auch Verbote und Einschränkungen einher. Schon 1465 richteten sich Vorschriften gegen Vermummungen. Bis ins 17. Jahrhundert war das Maskentreiben auf den Straßen zwar gang und gäbe, doch wurden Maskeraden aus Gründen der Sicherheit, der öffentlichen Ordnung, der Gesundheit und der Religion immer wieder reglementiert.

1626 wandte sich Ferdinand II. gegen nächtliche Maskeraden auf den Straßen. 1638 wurden nächtliche Schlittenfahrten als Faschingsvergnügen untersagt, 1677 verbot man aus Sicherheitsgründen ausdrücklich das Waffentragen während der Maskerade. Nach Exzessen im Fasching 1679 kam es 1686 zu einem generellen Verbot der Maskeraden, das 1689 sogar auf private Häuser ausgedehnt wurde.

Nach dem Sieg über die Osmanen 1683 weitete sich das Faschingstreiben in Wien erneut stark aus, worauf die Behörden wieder Gegenmaßnahmen setzten. Ein neuer Tanz, der Langaus, wurde 1700 wegen seiner angeblichen Freizügigkeit verboten. Ab 1708 wurden öffentliche Faschingsunterhaltungen besteuert, ab 1727 mussten sie beim Sicherheitspräsidium angemeldet werden. 1746 erließ Maria Theresia schließlich eine eigene Fasching- oder Ballordnung.

Von der Straße in den Ballsaal

Unter Kaiser Karl VI. verliert sich die Spur größerer Straßenveranstaltungen zunehmend. Der Wiener Fasching verlagerte sich nun stärker in Ballsäle, Palais, Bürgerhäuser und Wirtshäuser. Die einzige größere Ausnahme bildete 1789 eine Siegesfeier nach der Eroberung Belgrads durch Gideon Ernst von Loudon.[2]

Die vornehmste Veranstaltung des 18. Jahrhunderts war die Redoute in der Hofburg. Sie war die einzige Feier, bei der man maskiert erscheinen durfte – allerdings nur in ehrbaren Verkleidungen. Daneben galten auch die Bälle in der Mehlgrube am Neuen Markt als Treffpunkt eines gehobenen Publikums. Wer weniger Geld hatte, wich in die Vorstädte aus, wo eigene Vergnügungskulturen entstanden.

Unter Joseph II. kam es zu einer Lockerung der Verbote, was die Faschingskultur weiter popularisierte. 1786 wurde die Gründung von Tanzschulen gestattet. Der Ländler, aus dem sich später der Walzer entwickelte, verdrängte zunehmend das strengere Menuett. Berühmt waren nun unter anderem die Ballfeste im Tanzsaal des Traiteurs Jahn in der Himmelpfortgasse.

Fasching im frühen 19. Jahrhundert

Anfang des 19. Jahrhunderts und besonders im Vormärz erlebte der Wiener Fasching eine Blütezeit. Die Stadt gewann durch Josef Lanner und Johann Strauss (Vater), später auch durch Johann, Josef und Eduard Strauss, das Gepräge einer Tanzstadt. Der Fasching wurde zum Herzstück dieses städtischen Vergnügungslebens.

Berühmt waren zahlreiche Säle und Etablissements: in der Stadt das Elysium, der Dianasaal und später das Odeon, in den Vorstädten etwa die Sperlsäle in der Leopoldstadt, die Goldene Birne auf der Landstraße, der Apollosaal auf dem Schottenfeld oder das Kolosseum in der Brigittenau. Auch Hausbälle des Bürgertums wurden im Biedermeier immer wichtiger. Wer keine große Wohnung hatte, mietete sich für den Ballabend in einem Vorstadtlokal ein.

Einen besonderen Höhepunkt bildete die Faschingssaison 1815 während des Wiener Kongresses. In dieser Zeit war Wien ein internationales Festzentrum. In der Silvesternacht brannte allerdings während eines großen Fests das Rasumofskypalais ab – ein Ereignis, das sich tief in die Erinnerung der Stadt einschrieb.

Auch die Verkehrsverbindungen förderten die Ausbreitung des Vergnügens. Mit Zeiselwagen, später Gesellschafts- und Stellwagen entstanden neue Ausflugs- und Tanzorte in den Vororten, etwa der Dommayer in Hietzing oder der Schwender in Fünfhaus. Darüber hinaus veranstalteten viele Berufsgruppen eigene Bälle, etwa Fiaker, Wäschermädel oder verschiedene Zünfte und Vereinigungen.

Fasching nach 1848

Die Niederschlagung der Oktoberrevolution 1848 markierte auch im Vergnügungsleben eine Zäsur, doch schon bald entstanden wieder neue Anziehungspunkte. Das Publikum strömte nun etwa in die Neue Welt, zu den Maskenfesten beim Stalehner in Hernals oder zu Bürgerbällen bei Dreher auf der Landstraße.

1862 wurden die Redouten auch dem Bürgertum zugänglich. Im späten 19. Jahrhundert verschob sich das Gewicht des Faschings immer stärker auf Repräsentations- und Eliteveranstaltungen wie den Ball der Stadt Wien, den Concordiaball, den Opernball oder den Philharmonikerball. Gleichzeitig entstanden zahllose kleinere Bälle von Berufsvereinigungen, Institutionen, Firmen und Vereinen. Immer stärker wurden dafür die großen Räume der Ringstraßenzone genutzt – etwa Künstlerhaus, Musikverein, Staatsoper, Rathaus und Hofburg.[3]

Nach 1938 versuchten die Nationalsozialisten, den Wiener Fasching stärker nach deutschem Karnevalsmuster umzuformen. Besonders deutlich zeigte sich dies im großen propagandistisch aufgeladenen Faschingszug des Jahres 1939 durch die Wiener Innenstadt. Der traditionelle Wiener Fasching war jedoch historisch viel stärker durch Bälle und Tanzfeste als durch große Innenstadtumzüge geprägt.[4]

Faschingsumzüge

Faschingsumzüge lassen sich in Wien seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nachweisen. Der älteste bekannte Umzug war der Hernalser Eselritt von 1785. Im 19. Jahrhundert wurden unter anderem Faschingszüge in Gersthof, Ober-St.-Veit, Grinzing, Dornbach, Ottakring und Lainz bekannt.

Versuche, im 19. Jahrhundert das ältere Straßenbrauchtum neu zu beleben, blieben insgesamt jedoch begrenzt erfolgreich. 1875 fand in Ottakring der letzte größere Faschingsmaskenzug dieser älteren Tradition statt. Erst 1983 kam es mit dem Faschingsumzug der Wiener Wirtschaft auf der Ringstraße wieder zu einem stärker sichtbaren Umzug im Zentrum der Stadt.

Fasching auf der Bühne

Der Wiener Fasching prägte nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern auch das Theater. Schon die Titel zahlreicher Bühnenwerke zeigen, wie sehr die närrische Jahreszeit Teil der städtischen Unterhaltungskultur geworden war. Dazu gehören etwa Der Fasching in Wien, ein Singspiel von Volkert nach einem Text von Gleich, Faschingswehen, ein musikalisches Zauberlustspiel von Kauer, Faschingsleiden von Wenzel Müller, Der Faschingsdienstag (Die Ballnacht) mit Gesangstexten von Nestroy sowie später Die Faschingsfee im Johann-Strauß-Theater.

Gerade daran lässt sich erkennen, wie tief der Fasching in das kulturelle Selbstbild Wiens eingedrungen war. Er war nicht bloß ein Brauch, sondern ein eigenes städtisches Lebensgefühl zwischen Maskerade, Tanzlust, Satire und Gesellschaftsspiel.[5]


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Quellen