Stadtpläne

Aus City ABC

Geschichte Wiens
Stadtpläne
Kaum etwas ist bei der Erforschung der Stadt so faszinierend, wie die alten Stadtpläne. Daher hier ein kurzer Ausflug in die Kartographie Wiens - vom Beginn an.


Mittelalter und frühe Neuzeit

Der Zappertsche Plan

Der Zappertsche Plan

Aus dem mittelalterlichen Wien gibt es nur zwei Karten, die die damalige Stadt zeigen. Der erste ist der Zappertsche Plan von 1137. Er ist wahrscheinlich nicht echt, da er erstmals 1852 in einem Buch aufschien - und dort ohne Quellenangabe. Trotzdem handelt es sich um einen interessanten Blick in die Vergangenheit. Die Wienbibliothek stellt das Werk online zur Verfügung, der Plan und die Erklärungen von Georg Zappert sind hier downlloadbar: http://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/titleinfo/1118632

Albertinischer Plan

Albertinischer Plan

Mit Sicherheit echt ist jedoch der "Albertinische Plan", der zwischen 1440 und 1455 erstellt worden war. Er zeigt die kreisrunde mittelalterliche Stadtmauer, Klöster und Kirchen, und einige wichtige Gebäude. Zu sehen ist der Stephansdom, er hat schon den Nordturm, und die Universität ("das ist dy hoch schul"). Seltsam ist, dass an der linken oberen Ecke Pressburg ("die stat prespurk") eingezeichnet ist. (Als Begründung wird angenommen, dass Albrecht II. eine nahe Beziehung zu Pressburg hatte). [1]

Wien 1177

Wien 1177

Wenn auch nicht original, so zumindest informativ, ist ein Plan Wiens, der die Stadt in ihrer ursprünglichsten Form, nämlich bis zur Zeit von Heinrich II. Jasomirgott, zeigt. Siehe dazu auch die Seite Wien 1177.

Wien im 16. Jahrhundert

Schottenaltar, Wien-Ansicht

Schottenaltar, Wien-Ansicht

Lange Jahre gab es nun keine aktuelle Karte von Wien, allerdings geben Altarbilder Hinweise auf die Umgebung wichtiger Punkte, wie das Tafelbild des Schottenaltars "Flucht nach Ägypten" (heute im Museum im Schottenstift). Das Bild stammt von 1469, im Hintergrund der biblischen Szene ist eine Gesamtansicht von Wien vom Süden aus gesehen dargestellt. Man sieht auch Teile der Vorstadt vor dem Kärntner Tor mit Befestigungen und zahlreichen realitätsnahen Ansichten von Gebäuden.

Meldemann-Plan

Meldemann-Plan

Der nächste bekannte Stadtplan ist der von Niklas Meldemann aus dem Jahr 1529. Meldemann zeigt nicht nur einen detailgetreuen Rundplan, er zeichnete auch die rund um Wien kämpfenden Truppen ein.

Hirschvogel-Plan

Hirschvogel-Plan

1547 erscheint der nächste Rundplan, nämlich der von Augustin Hirschvogel. Auffallend ist hier die übersichtliche Darstellung der Straßenzüge.

Wolmuet-Plan, rekonstruiert von Camesina

Wolmuet-Plan, rekonstruiert von Camesina

Nun ging es Schlag auf Schlag - Bonifaz Wolmuet zeichnet einen Stadtplan, mit dem besonders die Stadtmauer veranschaulicht wird. 1558 erscheint die Karte von Hans Sebald Lautensack, der auch Wiens Umgebung mit betrachtet.

Karten des 17. Jahrhunderts

Im 17. Jahrhundert kippt die Kartographie Wiens deutlich in Richtung Festungs- und Ereigniskartographie. Wien erscheint auf vielen Blättern weniger als „Stadtplan“ im modernen Sinn, sondern als Vogelschau-Ansicht, als Panorama oder als Grundriss einer befestigten Residenzstadt. Das hängt eng mit der militärischen Lage, dem Ausbau der Bastionen und dem europaweiten Nachrichtenmarkt zusammen: Ansichten und Pläne wurden zu einem Medium, das Orientierung, Repräsentation und politische Aktualität zugleich liefern sollte.

Jakob Hoefnagel-Plan

Jakob Hoefnagel-Plan

Die wohl bekannteste Vogelschau ist die Darstellung, die Jacob Hoefnagel 1609 anlegte. Sie wurde in späteren Auflagen und Nachstichen immer wieder verbreitet und prägte lange das „Bild“ Wiens, das man im 17. Jahrhundert in Europa vor Augen hatte. Eine im Umfeld von 1683 publizierte Fassung (nach Hoefnagel, verlegt u. a. durch Nicolaes Visscher) zeigt besonders gut, wie stark ältere Stadtansichten in der Belagerungszeit als Referenz- und Vergleichsbilder weitergenutzt wurden. Der Kupferstich befindet sich original in Besitz des Hotels Sacher, das ihn an WienMuseum verliehen hat.[2][3]

Merian-Plan

Merian-Plan

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wird Wien zusätzlich in großformatigen Kupferstichansichten „lesbar“ gemacht: Bauwerke und markante Punkte werden nummeriert und in Legenden erläutert. In CityABC ist dieser Typus mit dem großen Merian-Plan 1642 vertreten; hier lässt sich gut beobachten, wie Stadtansicht und „Planlogik“ ineinander übergehen: nicht jede Perspektive ist vermessungstechnisch exakt, aber die Darstellung ist als Orientierungssystem angelegt.[4][5]


Ein weiterer Schlüssel ist Georg Matthäus Vischer. Seine um 1675 datierte Gesamtansicht führt Wien als befestigte Stadt mit Vorstädten, Wasserläufen und dem Umland vor und steht exemplarisch für jene Blätter, die zwischen Topographie, Stadtlob und militärischer Lesbarkeit vermitteln.[6]

Den größten Schub an Wiener Plänen und Ansichten erzeugte die Zweite Türkenbelagerung 1683. Aus dieser Zeit stammen sowohl europäische Vogelschau-Ansichten als auch seltenere Gegenperspektiven. Besonders eindrucksvoll ist die Vogelschau von Folbert (Folpert) van Alten-Allen, die Wien im Zustand vor bzw. im Umfeld der Belagerungszeit zeigt und damit als visuelles „Vorher-Bild“ der Festungsstadt gelesen wurde.[7] Als Gegenstück dazu ist eine osmanische Planzeichnung zur Belagerung Wiens überliefert, die zeigt, dass auch auf Seite der Belagerer kartographische Darstellung als militärisches Werkzeug genutzt wurde.[8]

Suttinger-Plan

Suttinger-Plan

Mit Daniel Suttinger liegt schließlich ein Grundriss vor, der Wien „planhafter“ fasst: der Plan ist auf den Zustand von 1683 bezogen und wird häufig als wichtiger Fixpunkt für das Verständnis der damaligen Stadtstruktur und Eigentumsverhältnisse genannt. Im Wien Museum ist eine lithographische Nachform nach Suttinger als Belagerungsdarstellung überliefert, die den Übergang vom Stadtgrundriss zur Ereigniskarte gut sichtbar macht.[9]

Karten des 18. Jahrhunderts

Nach 1683 beginnt für Wien kartographisch eine neue Phase. Die Stadt wird nicht mehr nur als belagerte Festung oder als repräsentative Vogelschau erzählt, sondern zunehmend als vermessener, verwalteter und nummerierter Raum. Gerade weil sich die Vorstädte rasch ausdehnen und mit dem Linienwall ein neuer stadträumlicher Rahmen sichtbar wird, wächst das Bedürfnis nach Plänen, die über den Mauerring hinausgehen und Wien als funktionierende Großstadt erfassbar machen.[10]

Anguissola-Marinoni-Plan

Anguissola-Marinoni-Plan

Einen frühen Markstein bildet der großmaßstäbige Plan von Leander Anguissola und Johann Jacob Marinoni (1704). Die Österreichische Nationalbibliothek beschreibt ihn als erste moderne Gesamtdarstellung Wiens in großem Maßstab, die weit ins Umland reicht und auch die Donauauen stark gewichtet. Gerade dieser Blick zeigt, wie sehr Wien um 1700 nicht nur „Stadt“, sondern auch Flusslandschaft, Vorstadtgürtel und Militärraum ist.[11]

Steinhausen-Plan

Steinhausen-Plan

Weil frühe Aufnahmen im Detail unterschiedlich genau waren, folgt 1710 ein Plan, der in der Wiener Kartographie oft als Präzisionssprung gilt: Werner Arnold Steinhausen erstellte eine auf Vermessung beruhende Karte der ummauerten Stadt mit Glacis und angrenzenden Vorstadtteilen. Die ÖNB betont die außergewöhnliche Genauigkeit, die in diesem Niveau über mehr als ein Jahrhundert kaum wieder erreicht worden sei.[12][13]

Le Rouge-Plan

Le Rouge-Plan

Im Laufe des Jahrhunderts wird Wien auch von auswärtigen Kartographen als europäischer Bezugspunkt dargestellt. Ein Beispiel ist der um 1740 publizierte Plan von Georges-Louis Le Rouge, der Wien samt Umgebung als „Haupt- und Residenzstadt“ in den Blick nimmt und damit zeigt, wie stark die Stadt im internationalen Karten- und Nachrichtenmarkt präsent war.[14]

Huber-Plan

Huber-Plan

Einen eigenen Weg geht Joseph Daniel von Huber mit dem 1778 erschienenen Vogelschauplan in Militärperspektive. Auf einem unverzerrten Grundriss werden die Gebäudehöhen maßstabsgerecht nach oben aufgetragen, wodurch ein „Blick aus großer Höhe“ entsteht, der zugleich planhaft und anschaulich ist. Gerade für das spätbarocke Wien mit stark wachsenden Vorstädten ist diese Mischform aus Vermessung und Ansicht ein besonders sprechender Stadtplan-Typ.[15]

Plan 1780

Plan 1780

Noch stärker in Richtung moderner Stadtvermessung führt der Plan des Hofmathematikers Joseph Anton Nagel. Die Stadt Wien hebt hervor, dass Nagel Wien 1770 bis 1773 neu aufnahm und der Plan 1780/1781 im Druck erschien; er gilt als erste Neuvermessung des verbauten Stadtgebiets seit der Aufnahme um 1704/06. Besonders wertvoll für die Stadtgeschichte ist, dass der Plan die 1770 eingeführten Konskriptionsnummern enthält, also die erste offizielle Häusernummerierung, die Wien administrativ neu lesbar macht.[16][17]

Gegen Ende des Jahrhunderts verdichtet sich die Planproduktion nochmals, weil die Stadt und ihre Vorstädte stärker als zusammenhängender Organismus wahrgenommen werden. Der großformatige Plan von Max von Grimm (1797) zeigt Wien „mit seinen Vorstädten“ und ist zugleich ein Bindeglied zur Kartographie des 19. Jahrhunderts, in der Hausnummern, Legenden, Nutzungsangaben und Orientierungshilfen für den Alltag immer wichtiger werden.[18][19]

Karten des 19. Jahrhunderts

Der Situationsplan von Carl Graf Vasquez

Vasquez Bild-Plan Innere Stadt

Vasquez Bild-Plan Innere Stadt

Als besonderes Exemplar der "modernen" Stadtkartographie gilt der Plan von Vasquez, der in der Epoche des Biedermeier (1827) gestaltet wurde. Das Original davon liegt im Museum der Stadt Wien auf.

Carl Graf Vasquez de Pinos von Löwenthal ließ die Kartographie mit Kunst- und wahrscheinlich auch Geschäftssinn verschmelzen, auf seinen Plänen ergänzte er jeweils 14 "vortreffliche Gebäude" in Form von umgebenden Darstellungen. Zwischen 1827 und 1835 erschienen 12 Blätter, die die Innere Stadt und die Vorstädte zeigen. Als Beilage zu diesen Plänen wurden von Vasquez und Anton Ziegler (Lithograph) auch Verzeichnisse aufgelegt, die Straßen mit Angaben über Haus- und Grundbesitzer aufzählten.

Der Verkauf dieser Karten war so ein großer Erfolg, dass auch andere Städte wie Triest, Prag oder Budapest bei dem Grafen Karten beauftragten. Vasquez, der ehemals im Militärdienst stand, arbeitete ab 1822 in der "Hauszins-Erhebungskommission" der niederösterreichischen Landesregierung. Die Pläne hatte er auf eigene Kosten herausgegeben, was jedoch dazu führte, dass er - trotz dem erfolgreichen Verkauf - schwer verschuldet war. Er trat also 1848 wieder in den Militärdienst ein, wurde aber 8 Jahre später wegen "ungebührlichen Verhaltens" vorzeitig pensioniert.

Quellen

  1. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Bd. 1., Kremayr & Scheriau, Wien 1992, S. 40
  2. Wien Museum Online Sammlung: Vienna Austriae. (Vogelschau von Wien 1609, mit Stadtbeschreibung). https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/127950-vienna-austriae/
  3. Wien Museum Online Sammlung: Vogelschau der Stadt Wien vom Norden (3. Aufl.), von und nach Jacob Hoefnagel. https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/130074-vogelschau-der-stadt-wien-vom-norden-3-aufl-von-und-nach-jacob-hoefnagel/
  4. Wien Museum Online Sammlung: Ansicht Wiens von Süden mit Wienfluß, aus: „Theatrum Europaeum“. https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/503374-ansicht-wiens-von-sueden-mit-wienfluss-aus-theatrum-europaeum-von-m-merian/
  5. Gustav Adolph Schimmer: Das alte Wien, Darstellung der alten Plätze und merkwürdigsten jetzt größtenteils verschwundenen Gebäude Wiens nach den seltensten gleichzeitigen Originalen. Druck und Verlag von L.C. Zamarski, Universitätsbuchdruckerei, Wien, 1854, S. 8
  6. Wien Museum Online Sammlung: Wien in Österreich. https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/127946-wien-in-oesterreich/
  7. Wien Museum Online Sammlung: Vogelschau der Stadt Wien vom Westen (1. Zustand). https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/127951-vogelschau-der-stadt-wien-vom-westen-1-zustand/
  8. Wien Museum Online Sammlung: Osmanische Planzeichnung zur Belagerung Wiens 1683. https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/38-osmanische-planzeichnung-zur-belagerung-wiens-1683/
  9. Wien Museum Online Sammlung: Das belagerte Wien 1683 (Grundriss von Stadt und Vorstädten mit dem osmanischen Lager in Vogelschau). https://sammlung.wienmuseum.at/en/object/90826-das-belagerte-wien-1683-grundriss-von-stadt-und-vorstaedten-mit-dem-osmanischen-lager-in-vogelschau/
  10. Wien Museum Online Sammlung: Grundrissplan von Wien mit seinen Vorstädten und dem Linienwall, 1704, mit Legende. https://sammlung.wienmuseum.at/en/object/604570-grundrissplan-von-wien-mit-seinen-vorstaedten-und-dem-linienwall-1704-mit-legende/
  11. Österreichische Nationalbibliothek (Kartensammlung): Leander Anguissola, Johann Jacob Marinoni: Wien, 1704. https://www.onb.ac.at/sammlungen/kartensammlung/50-zimelien-die-wertvollsten-objekte-der-kartensammlung/leander-anguissola-johann-jacob-marinoni-wien-1704
  12. Österreichische Nationalbibliothek (Kartensammlung): Werner Arnold Steinhausen: Wien, 1710. https://www.onb.ac.at/sammlungen/kartensammlung/50-zimelien-die-wertvollsten-objekte-der-kartensammlung/werner-arnold-steinhausen-wien-1710
  13. Stadt Wien Kulturgut: Steinhausenplan 1710. https://www.wien.gv.at/kultur/kulturgut-plaene-steinhausen
  14. Wikimedia Commons: Ca. 1740 map of Vienna by Georges Louis Le Rouge. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ca._1740_map_of_Vienna_by_Georges_Louis_Le_Rouge.jpg
  15. Stadt Wien Kulturgut: Huberplan 1778. https://www.wien.gv.at/kultur/kulturgut-plaene-huber
  16. Stadt Wien Kulturgut: Nagelplan 1781. https://www.wien.gv.at/kultur/kulturgut-plaene-nagel
  17. data.gv.at: Georeferenzierter Stadtplan von Wien aus dem Jahr 1780 (Nagel). https://www.data.gv.at/datasets/501f4091-469f-4015-bf1c-c48439a45078
  18. Wien Museum Online Sammlung: „Grundriss … Haupt- und Residenzstadt Wien …“ (2. Aufl. der ersten Ausgabe von 1797). https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/169368-grundriss-der-kl-kl-haupt-und-residenzstadt-wien-mit-ihren-vorstaedten-nach-den-neuen-hausnummern-plan-de-la-ville-de-vienne-et-de-ses-fouxbourgs-avec-le-denombrement-des-maisons-2-aufl-der-ersten-ausgabe-von-1797/
  19. Arcanum Maps: Wien (1797). https://maps.arcanum.com/de/map/vienna-1797/